Der Jungbrunnen von Aleppo oder ewig Siebzehn in Europa

Die neue Geschichte des Autor von ´´ Achmed im Dattelheim“

1.

Es geschah im November 2014 in Aleppo, irgendwo in einem
Hinterhof, in einer dieser verwinkelten Gassen. Hier traf der
arbeitslose 57-jährige Wasserverkäufer Achmed K. auf den
93-jährigen Briefschreiber Mehmed S. Es sollte eine sehr
schicksalhafte Begegnung für die gesamte Menschheit wer –
den.
Aber davon ahnten die beiden noch nichts als sie am späten
Nachmittag das Schicksal zufällig zusammenführte. Seit man
an nahezu jeder Straßenecke Wasser in Plastikflaschen zu
kaufen bekam, hatte Achmed kein Geschäft mehr gemacht.
Mehmed S. ging es da nicht viel anders, denn seit jeder ein
Handy besaß, ließ sich keiner der vielen Analphabeten mehr
einen Brief schreiben. Die beiden Männer setzten sich bei
einem Glas Tee zusammen und schwatzten munter drauflos.
Natürlich war ihrer Meinung nach nur Assad an all den Ver –
änderungen schuld. Seit dem Bürgerkrieg mußte Achmed K.
laufend sich ausweisen. Niemand ob oppositioneller Straßen –
räuber, Islamist oder gar IS-Partroullie wollte es ihm glauben,
das er faktisch keinerlei Einnahmen habe. Das brachte ihn auf
die Idee Mehmed S. zu bitten ihm doch so ein diesbezügliches
Schriftstück aufzusetzen. Der alte Briefschreiber hatte ohnehin
den ganzen Tag nichts zu tun und willigte deshalb freudig in
diesen Zeitvertreib ein. Immerhin war es seit gut drei Jahren
seit er zuletzt ein Schriftstück aufgesetzt. Voller Wonne griff
also Mehmed zur Feder und stellte Achmed sein gewünschtes
Schriftstück aus. Als er fertig war und das Papier hin und her
schleuderte, damit die Tinte schneller trocknete passierte es :
Mehmed stieß mit der Hand gegen Achmed tragbaren Wasser –
behälter und ein Strahl Wasser ergoß sich über das frisch aus –
gestellte Schriftstück. Während beide Männer bei Allah noch
dieses Unglück verfluchten, wurde zuerst der alte Mehmed des
großen Wunders angesichtig.
Die Buchstaben waren durch die feuchte Tinte verlaufen und
nun sah es aus, das man bei Achmeds Alter 17 anstatt 57 lesen
konnte. Das mußte ein Zeichen Allahs sein ! Aber wie es nun
nutzen ? Es sei zwar ein Wunder, aber es würde wohl gewiß
nur in der Fremde wirken. Zu diesem Ergebnis kamen die bei –
den Männer am späten Abend. Aber auch den ganzen nächsten
Tag diskutierten sie weiter. Schließlich kam man auf die Idee,
daß Achmed nach Europa reisen solle, um dort die Wunderwirk –
ung des Schriftstücks zu testen. Zunächst wollte Achmed nicht
den langen Weg auf sich nehmen, aber dann geriet er während
Straßenkämpfe in die Schußlinie und sein Wasserbehälter hatte
gut ein Dutzend Einschüsse zu verzeichnen. Während Achmed
noch kräftig am Jammern, sah Mehmed dies als ein weiteres
Zeichen, denn wozu sonst hatte Allah dessen Leben verschont ?
Seine letzten Einnahmequelle beraubt, machte sich Achmed
sodann im Februar 2015, solange hatte seine Trauer um seine
verlorene Arbeit als Wasserverkäufer noch angedauert, mit
schweren Herzen zu Fuß auf den Weg nach Europa.
Dieses Europa war groß, fremd und voller ihm unbekannter
Sitten, so das Achmed mehrmals Zweifel an seiner Mission
kamen. Aber dann, mitten in diesem Europa, in einem Land,
daß Deutschland hieß, setzte die Wundertätigkeit seines mag –
ischen Papieres ein. Denn als Achmed sein Papier vorlegte,
obwohl sein Mund zahnlos und seine Haare schon sehr er –
graut, wurde er von dem deutschen Beamten als 17-Jähriger
angesehen. Das Wunder hatte funktioniert und ganz, wie es
der alte, weise Mehmed vorausgesagt, nur im fernen Europa !

2.

Zunächst war es für Achmed sehr schwer die Wirkung seines
Wunderpapiers richtig einschätzen zu können. Denn es war
ihm unverständlich, warum er nun Pflegeeltern bekam, die
deutlich jünger als er selbst waren. Aber auch hier wirkte
sein Wunderpapier und die hielten ihn tatsächlich für Sieb –
zehn und glaubten, daß er durch traumatische Kriegserleb –
nisse frühzeitig ergraut. Nachdem Achmed seine zweite Jug –
end in Deutschland für einige Zeit in vollen Zügen genoß,
überlegte er doch, wie er den Mehmed von der Wirkung des
Wunderpapiers Mitteilung machen könne, denn immerhin
besaß der Alte kein Handy und Achmed konnte nicht schrei –
ben. Noch jedenfalls nicht, denn seine Pflegeeltern ließen
ihn nun die Schulbank drücken. Was Achmed denn auch
gerne tat, solange man ihn bloß für einen Siebzehnjährigen
halte. So suchte er einen Syrer auf, der ihm einen Brief an
Mehmed schreibe.
Während Achmed dem jungen Syrer in der Schulklasse den
Text des Briefes diktierte, bildete sich rasch um ihn herum
eine Traube aus Syrern, Afghanen, Irakern und wer weiß,
was noch für Völkerschaften. Niemand beachtete mehr die
deutsche Lehrerin, welche sich vergeblich an der Tafel ab –
mühte. Während Achmed ahnungslos die ungeahnte Auf –
merksamkeit genoß und dem Schreiber ausführlich die Wirk –
ung seines Wunderpapiers in den schillernsten Farben schil –
derte, wie konnte er da auch ahnen, was er damit auslösen
würde. Er wunderte sich nur warum alle um ihn herum so
eifrig am Telefonieren.
Noch ehe sein Brief den alten Mehmed erreichte, sprach sich
das Wunder von Aleppo im gesamten islamischen Raum her –
um. Tausende muslimischer Männer ließen Frauen und Kinder
im Stich, um des Wunders teilhaftig zu werden, in Europa
wieder Siebzehn zu sein. Davon konnte der alte Mehmed
nichts ahnen, denn ehe ihn noch Achmeds erklärender Brief
erreichte, wurde er plötzlich von Menschen bestürmt, vor –
nehmlich Männer, das er ihnen so ein Wunderpapier ausstelle.
In den nächsten Tagen und Wochen sah man in jenem Hinter –
hof in Aleppo Männer Schriftstücke mit Wasser begießen. Als
die Opposition von der Sache Wind bekam, da stauten sich die
nach Europa hereinströmenden Männer schon an der Balkan –
route und den nordafrikanischen Mittelmeerhäfen, ernannte
den Platz, an welchem Mehmed seine Briefe geschrieben, zum
Platz der siebzehnjährigen Märtyrer. Selbst die Syrische Be –
obachtungsstelle für Menschenrechte schickte ihren einzigen
Mitarbeiter aus London, um das Wunderpapier prüfen zu las –
sen. Als später im November 2016 eine russische Fliegerbombe
den magischen Hinterhof in Aleppo traf, da war sich dann die
Opposition sofort sicher, das Diktator Assad höchstselbst den
Befehl für diesen feigen Anschlag befohlen. Denn immerhin
büßte Mehmed dabei, neben seinem Tintenfass auch seine
einzige Schreibfeder, sowie sämtliche Vorräte an magischem
Papier ein. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschen –
rechte in London war so empört, das sie, obwohl niemand
bei dem Angriff körperlich zu Schaden gekommen, es be –
hauptete, daß sich auf jenem kleinen Hinterhof vier Schulen
befunden hätten. Als einziger Beweis musste für einfältige
westliche Berichterstatter Mehmeds kaputes Tintenfass, so –
wie ein paar Bögen seines stark verbrannten Briefpapiers
herhalten. Mehmed überlebte den Verlust seiner zerstörten
Schreibutensilien nicht und starb wenige Tage darüber gram –
gebeugt. Er wurde von der Opposition umgehend zum Märtyrer
von Aleppo ernannt.
Auf Grund der vielen von Mehmed S. ausgestellten Papiere,
ermittelte später die UN-Flüchtlingskommission, daß das
Durchschnittsalter der Flüchtlinge bei 17 liege. Im Juni 2015
hatte sich die Geschichte vom Jungbrunnen Europa bereits
so sehr verbreitet, daß sich aus dem Kundusch ein über 100
Jahre alter, blinder Afghane von seinen Verwandten auf dem
Rücken bis nach Deutschland schleppen ließ. Im Sommer
2016 gab es auf dem Papier in den EU-Staaten statistisch
mehr Siebzehnjährige als in ganz Afrika, Nord – und Süd –
amerika, sowie Asien !
Von all dem ahnte unser Achmed in Deutschland nichts als
er 2016 dort zum zweiten Mal seinen 18.Geburtstag inmitten
seiner Pflegefamilie feierte und bedrückt es feststellen mußte,
das Mehmeds magisches Papier allmählich seine Wirkung
verlor.

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